Dachse (Mehles meles) sind heimliche Tiere.

Als vornehmlich dämmerungs- und nachtaktive Bewohner unterirdischer Baue u.a. an Waldrändern oder in Gebüschsäumen begegnet man Dachsen nur sehr selten.

Um Ihr Verhalten zu studieren, hatte ich ab Mai 2024 bis Juni 2025 bei einem Dachsbau im Großen Hau in Horb am Neckar eine Wildkamera hängen. Dieser Bau ist für das Beobachten und Aufnehmen von Dachsen deshalb besonders gut und zudem rechtssicher geeignet, weil er von einem offiziellen Waldweg aus sehr gut einsehbar ist.

Einige Highlights davon sollen nachfolgend einen kleinen Einblick in das verborgene Leben dieser faszinierenden Tiere bieten.

Drei Jungtiere gab es im Jahr 2024 in besagtem Bau. Nicht selten waren diese im Mai und Juni bereits am späten Nachmittag auf dem Bau und tollten umher. Die Dachsmama war zumeist auch nicht weit:

Der Paarungsakt bei den Dachsen ist keine sehr romantische Angelegenheit

Erst Annäherungsversuche des Männchens gab es in der Nacht von 12. auf 13. August 2024. Das Weibchen zeigte sich allerdings nicht bereit, und nach mehreren Stunden des Werbens schien die Sache bis auf Weiteres geklärt.

Sollte es übrigens so früh zur Paarung und Befruchtung kommen, setzt bei den Dachsen – sie zählen zu den Marderartigen – eine sogenannte Keimruhe ein, bis die aktive Schwangerschaft dann im Dezember oder Januar einsetzt und es nach 42 bis 49 Tagen zur Geburt kommt.

Dachsfamilie wünscht sich zum Jahreswechsel ein „Gutes Neues Jahr“

Der Dachsbau, an dem die Wildkamera hing, befindet sich Luftlinie zwischen 1,3 und 2 Kilometer weit von den nächsten Ortschaften entfernt. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, die Reaktion der dortigen Dachsfamilie auf das sicherlich nicht sehr laut hörbare Silvesterfeuerwerk – der Ton im Video ist hochgeregelt – zu studieren.

Auffällig war, dass sich alle Mitglieder der dortigen Dachsfamilie – zwei Eltern- und zwei Jungdachse (der dritte Jungdachs war entweder verstorben, oder bereits abgewandert) – gleichzeitig auf dem Bau versammelten. Dies kam davor fast nie vor, das Männchen bewohnte einen anderen Teil des Baus.

Auch wenn die Dachse auf das Feuerwerk zwar nicht völlig verschreckt reagierten, waren sie doch merklich irritiert und zogen sich bald wieder in ihren Bau zurück. Sehen sie selbst:

(Hinweis: Die von den Kameras aufgezeichnete und in der Fußleiste der Videos sichtbare Uhrzeit ist nicht korrekt. Eingestellt war noch die Sommerzeit. Also waren die Dachse ziemlich genau zum Jahreswechsel versammelt auf ihrem Bau.)

Die Hauptranz – also die Hauptpaarungszeit –  fand dann von Mitte Januar bis Mitte März statt.

Während dieser Zeit waren immer wieder Kopulationen zu beobachten. Diese zogen sich mitunter über eine volle Stunden hin und wirkten, mit menschlichen Augen betrachtet, annähernd wie Vergewaltigungen.

Nachfolgend ein Beispiel vom 23. Februar 2025. Dieses fand ausnahmsweise im Hellen statt, sodass die Aufnahmen der Wildkamera bereits farbig sind. Leider waren die Akkus schon sehr schwach, sodass es zu Lücken in den Aufnahmen kam.

Erster Ausflüge der kleinen Dachskinder

Auch wenn Dachsbabys, im Unterschied zu anderen Arten, mit offenen Augen und Fellansatz geboren werden, sind sie Nesthocker. Erst nach ca. 9-10 Wochen verlassen sie erstmalig den Bau.

An „meinem“ Bau war dies exakt am 28. April 2025 der Fall. Ab 04:05 Uhr konnte ich die ersten beiden Ausflüge der Dachskinder dokumentieren. Sehen Sie selbst:

Geschlechtsbestimmung ist bei Dachsen ein schwieriges Unterfangen

Die beiden großen Dachse in nachfolgendem Video des zweiten Ausflugs der Dachsjungen sind übrigens nicht Papa und Mama, sondern die Dachsmama und eines der drei subadulten letztjährigen Dachsjungen, die im aller ersten Video dieses Beitrags zu sehen sind. Zwei dieser Subadulten waren sehr muttergebunden und nutzten ähnliche Bereiche des Baus, wie das Muttertier.

Der dritte subadulte Jungdachs hingegen zeigte im Sommer/Herbst stärkere Verknüpfung mit dem Vatertier in einem anderen Bau-/Ausgangsbereich. Er wurde nach und nach immer seltener beobachtbar und verschwand im Spätherbst schließlich dauerhaft. Der Fund eines Dachsschädels in der Nähe des Baus Anfang März 2025 könnte, nach eingehender Prüfung, von diesem stammen und dessen verschwinden erklären.

Da das fehlende Tier vorher “vaternah“ war, könnte es sich dabei um ein männliches Jungtier gehandelt haben, wohingegen die beiden“muttergebundenen” Subadulten weiblichen Geschlechts gewesen sein könnten. Da eine äußerliche Geschlechtsbestimmung bei Dachsen ohne Inspektion der Unterseite nur sehr schwer möglich ist, bleibt diese verhaltensbasierte Zuordnung jedoch hypothetisch.

Nachfolgend nun das angekündigte Video des zweiten Ausflugs der Dachsjungen aus derselben Nacht:

Der Mai macht alles neu

Fast zeitgleich mit den ersten Ausflügen der Dachsjungen begann die Dachsmama, aus einem nahegelegenen anderen Ausgang des Baus Material heraus zu räumen. Sie bereitete damit offensichtlich einen anderen Wohnkessel vor, in den sie bald mit ihren Kleinen umziehen sollte.

Vielleicht hatte der „Wohnungswechsel“ mit der Schwierigkeit der Kleinen zu tun, den ursprünglichen Ausgang zu erklimmen.

Vielleicht hatte er aber auch hygienische Gründe. Denn nach bestimmt zwei Monaten im selben Wohnkessel, war nun endlich der Zeitpunkt für einen Tapetenwechsel gekommen.

Die Welt der Dachse ist eine Welt der Gerüche

Mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn lesen Dachse ihre Umgebung wie eine Karte: Spuren entlang ihrer Wechsel, Hinweise am Bau und Duftzeichen im Revier geben ihnen Orientierung und Informationen.

Duftmarkierungen verraten außerdem, wer in der Nähe war, wann und in welchem Zusammenhang – so wird Geruch zur stillen Sprache zwischen den Tieren.

Beim gegenseitigen Markieren mittels Analdrüsensekret lesen und „beantworten“ sich Dachse auf ihre Weise. Ein Duftzeichen wird nicht einfach überdeckt, sondern weitergeführt – wie ein Eintrag in eine laufende Nachrichtenspur. So erkennen sie einander über individuelle Geruchseigenschaften, ordnen die Begegnung ein und halten die Kommunikation in ihrer Geruchssprache lebendig.

Was sonst noch so auf dem Dachsbau für Auslösungen sorgte

Der Mai war der Monat mit den meisten Auslösungen von anderen Lebewesen auf dem Dachsbau. Insbesondere ein Fuchs war dabei rekordverdächtig oft zu sehen. Während er im restlichen Jahr (abgesehen vom Januar) nur sporadisch am Eingang des Dachsbaus vorbeischaute, kulminierten seine Besuche zwischen dem 18. und 25. Mai in mehreren und bis zu 15 Minuten langen Aufenthalten. Oft steckte er seine Nase tief in die Öffnung des Baus hinein und verschwand gelegentlich sogar komplett darin.

Dachse reagieren sensibel auf Störungen, insbesondere wenn Junge im Bau sind.

Wie aus dem letzten Video ersichtlich, kam es auch immer wieder zu Besuchen von Hunden und Menschen auf dem Bau. Oft waren es einzelne Personen oder kleine Personengruppen, gelegentlich aber auch ganze Führungen mit bis zu 50 Personen. Einige der Besuche fanden bereits im Mai und Juni statt.

Was dabei wohl nicht bedacht wird: Selbst wenn ein Besuch nur wenige Minuten dauert, die menschlichen Geruchsspuren verbleiben unter Umständen über Tage. Wie ich lernen musste, kann dies zu massiven Störungen der Tiere führen, die in der Folge ihr Verhalten teils komplett änderten. Fortan ließen sich sie sich für den Rest des Sommers kaum noch blicken. Und wenn, verließen sie nahezu fluchtartig ihren Bau. Das ganze Sozialverhalten verlagerten sie in eine nahegelegene Dickung.

Erinnert sei an dieser Stelle an eine gesetzliche Regelung aus dem Bundesjagdgesetz:

„Verboten ist, Wild, insbesondere soweit es in seinem Bestand gefährdet oder bedroht ist, unbefugt an seinen Zuflucht-, Nist-, Brut- oder Wohnstätten durch Aufsuchen, Fotografieren, Filmen oder ähnliche Handlungen zu stören. Die Länder können für bestimmtes Wild Ausnahmen zulassen.“

(BJagdG §19a: Beunruhigen von Wild)